Die Ebene 0 – was kann das Erdgeschoss für die Quartiersentwicklung leisten und wie können die Kirchen mit ihren Gebäuden gut dazu beitragen?

Die Tagung diskutierte die Frage, wie Kirchen und soziale Träger räumlich besser ins Quartier hineinwirken können.

Quelle: Aufbruch Quartier, Diakonisches Werk Württemberg

Die Fachtagung mit Exkursion „Das Erdgeschoss – Schlüssel zum lebendigen Quartier“ (Folge 9 der Reihe IMPULSE für die IBA) war erneut eine Kooperations-Veranstaltung, die die Evangelische Akademie Bad Boll zusammen mit dem Dialogforum der Kirchen in der Region Stuttgart, vertreten durch Jutta Wiedmann und mit der Internationalen Bauausstellung 2027, vertreten durch Grazyna Adamczyk-Arns, durchgeführt hat. Mitveranstalter für diese Ausgabe war das Projektteam von „Aufbruch Quartier“ im Diakonischen Werk Württemberg, vertreten durch Wolfram Keppler und Götz Kanzleiter. Maßgeblich unterstützt wurde die Veranstaltung am Vormittag von Martin Gebler, Leiter der Wohnungsverwaltung der Baugenossenschaft Neues Heim eG.

Im Fokus stand bei dieser städtebaulich-sozialräumlichen Fachtagung mit Ortsbegehung durch den Stuttgarter Stadtteil Zuffenhausen-Rot die Frage, wie wir zu lebendigen, diversen und integrativen Quartieren kommen und welche Rolle dabei der architektonischen Gestaltung der Erdgeschosszonen („Ebene 0“) zukommt. Investorengesteuerte Projektentwicklungen tendieren zu eher homogener Gestaltung der Erdgeschosszonen. Die Folge sind monotone, wenig belebte Quartiere mit fehlender Aufenthaltsqualität. Ob ein Quartier generationsübergreifend als attraktiv und lebenswert gilt, hängt jedoch ganz entscheidend von der Gestaltung und Nutzung der Erdgeschosszonen ab. Lebenswerte, integrative Quartiere zeichnen sich auf der "Ebene 0" durch Diversität, Dichte und Zugänglichkeit aus.

Die Tagung diskutierte die Frage, wie Kirchen und soziale Träger räumlich besser ins Quartier hineinwirken können. Funktioniert deren Arbeit auch weiterhin ausgehend von den eigenen Standorten oder sind andere Formen der Präsenz gefragt - vielleicht gerade in der Zone 0 des Quartiers, in sogenannten Joker-Räumen und flexiblen, niederschwellig nutzbaren Raumangeboten? Welche Erscheinungsformen sind möglich und welche Erfahrungen mit dieser Form des nachbarschaftlichen Wirkens im Sozialraum bestehen bereits?

Rund 50 Teilnehmende fanden sich zum Auftakt der Veranstaltung im Gemeindehaus der Evangelischen Auferstehungskirche an der Haldenrainstraße ein und wurden von Dekanin Elke Dangelmaier-Vinçon begrüßt. Sie unterstrich bei dieser Gelegenheit die Bedeutung der kirchengemeindlichen Immobilien für die nachbarschaftsbezogene Quartiersarbeit und verwies darauf, dass die städtebaulich prominente Kirche mit repräsentativem Vorplatz, Kita, Gemeindehaus und angrenzendem parkähnlichen Garten bereits heute die Anforderungen an ein räumlich optimales Quartierszentrum erfüllt.

Geführt von Martin Gebler (Leiter der Wohnungsverwaltung Baugenossenschaft Neues Heim) und IBA-Projektleiterin Grazyna Adamzcyk-Arns konnten die Standorte der aktuellen IBA-Quartiersentwicklungsprojekte im Stadtteil Rot besichtigt werden. Station machte die Gruppe auch im erdgeschossig gelegenen Wohncafé der Else-Heidlauf-Stiftung, das von Leiterin Anette Knapper in seiner Rolle als generationenübergreifender Quartierstreff vorgestellt wurde.

Fortgesetzt wurde die Tagung am Nachmittag im Diakonischen Werk Württemberg mit Eingangsstatements des Vorstands Dr. Kornelius Knapp und einem Eingangsimpuls von Pfarrer Matthias Haas, stellvertretender katholischer Stadtdekan und  Diözesanbeauftragter für die Region Stuttgart. Die Perspektive der planenden und forschenden Architektenschaft vertraten Markus Weismann, Vorsitzender des Kammerbezirks Stuttgart der Architektenkammer Baden-Württemberg sowie Constantin Hörburger.

Weismann wies auf die Vielfalt und Verschränkung der zu beteiligenden Akteure in der Planung von lebendigen Nachbarschaften hin und betonte gerade für diese Fragestellung die Bedeutung der grünflächenorientierten und ressourcensensiblen Planung. Hörburger lenkte die Aufmerksamkeit auf die Leerstellen der Stadt - auf Ungenutztes und Umnutzbares – und auf die Tatsache, dass öffentliche Räume als Gemeingüter dem Prinzip des Teilens folgen können. Kirchengemeindliche Immobilien seien prädestiniert dafür, als Schwellenräume nachbarschaftlich wirken zu können, so Hörburgers Fazit zu Beispielen aus der Praxis.

Diese Impulse aufgreifend geriet die nachfolgende Diskursrunde mit Carmen Treffinger, der Oberin des Diakonissenhauses in Stuttgart und Roland Weeger, dem Leiter des Hauses der Katholischen Kirche an der Königstraße in Stuttgart zum Austausch über Mögliches und Herausforderndes im Betrieb und in der Planung funktionierender nachbarschaftlicher Einbindung. Gute Erdgeschosse seien überall möglich, man müsse sie nur wollen, resümierte Markus Weismann, dessen Büro in diesem Jahr den Deutschen Städtebaupreis erhalten hat.

Die IBA-Projekte haben auch diese Veranstaltung  der Reihe IMPULSE für die IBA´27 inspiriert. Die Umbenennung der Reihe in IMPULSE der IBA´27 ab 2024 reagiert darauf.