Sterben, Tod und Trauer – Wie sieht eine zeitgemäße Bestattungskultur aus? Drei Fragen an Helmut Ramsaier, Bestatter in Stuttgart-Vaihingen

„Die Kirchen müssen beim Thema Sterben, Tod und Trauer die Menschen mit ihren Problemen, Ängsten und Sorgen dort abholen, wo sie sich befinden. Dabei sollte sie ihre Sprache auch so verändern, dass die Menschen sie verstehen. Bestatter und Kirchen sitzen in einem Boot und sollten beide gleichermaßen denen dienen, die sich in einer außergewöhnlichen Situation und Notlage befinden.“, fordert Helmut Ramsaier, Bestatter aus Stuttgart-Vaihingen. Im Oktober 2017 referierte er vor der Kooperationsgemeinschaft der Dekanate in der Region Stuttgart zum Thema Bestattungskultur. Hier beantwortet er drei Fragen zu aktuellen Entwicklungen in der Bestattungskultur in der Region Stuttgart.

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Herr Ramsaier, wie hat sich Ihre Arbeit als Bestatter in den letzten Jahren verändert?

Heute gibt es viel mehr Menschen, die sich selbstbewusst mit dem eigenen Tod auseinandersetzen. Die Folge für uns sind mehr Bestattungsvorsorgeverträge. Außerdem dauern im Todesfall die Trauergespräche immer länger – im Durchschnitt länger als drei Stunden. Wir müssen immer mehr unterschiedliche Meinungen der Angehörigen auf einen Nenner bringen, ohne die Beteiligten zu verletzen.
Die Betreuung von Hinterbliebenen bei Aufbahrungen wird immer zeitintensiver. Eine wichtige Rolle spielen dabei Schuldgefühle. Wir versuchen durch unser Handeln zu einer Minimierung der Schuldgefühle zu kommen.
Unsere Aufgabe ist es dabei auch, Abschiedsrituale weiterzuentwickeln, die mit dazu beitragen können, dass Betroffene durch die Trittsteine für den Trauerweg früher von einer lebensbelastenden Trauer in eine lebensbefreiende oder lebensfördernde Trauer kommen können.
Es gibt immer weniger Normen, die akzeptiert werden. Kirchliche und kulturelle Vorgaben sowie rechtliche Vorschriften werden immer häufiger hinterfragt.
Was uns alle zum Nachdenken anregen sollte: Vor 30 Jahren war eine Familie "sauer", wenn der Pfarrer den aus der Kirche Ausgetretenen nicht bestattet hat. Heute ist es so, dass es 20 Prozent der Bestattungspflichtigen egal ist, ob ein Pfarrer oder ein Redner die Bestattung übernimmt, obwohl der Verstorbene der Kirche angehört hat. Ein Großteil davon will explizit keinen Pfarrer sehen.  Im letzten Jahr haben wir allein 31 Fälle davon gehabt. Dies ist für mich mehr als bedenklich. Dies insbesondere auch deshalb, weil nur der Friedhof oder eine Bestattung nach meiner Überzeugung der Platz ist, wo die Kirchen diejenigen noch erreichen können, die den Kirchen nicht oder nicht mehr zugehörig sind.

Wie reagieren Sie als Bestattungsunternehmen auf die Veränderungen?

Wir haben in unseren Räumlichkeiten vor allem eine andere Umgebung für die Hinterbliebenen geschaffen. Uns ist es mit unserem jetzigen Bestattungshaus in Stuttgart-Vaihingen mit ca. 650 qm Nutzfläche gelungen, helle, nicht einengende Räume für Hinterbliebene zu schaffen, die den Regeln von Feng Shui entsprechen und mit Kunst ausgestattet sind. Betroffene können sich in diesen Räumen "wiederfinden". Das wirkt beruhigend auf die Anwesenden und bringt sie zum stillen Nachdenken, weg von den alltäglichen Gedanken und Sorgen. Die Vielzahl der positiven Rückmeldungen bestätigt uns die Richtigkeit unsere Vorgehensweise.
Gemeinsame Gespräche mit unseren Pfarrern haben uns u.a. dazu gebracht, dass wir vor Beginn einer Trauerfeier gregorianische oder russisch-orthodoxe Gesänge dezent im Hintergrund abspielen. Der Abschluss der Trauerfeiern wird fast immer mit Abschiedsritualen begangen, also zur Erdbestattung parallelisiert.
In den letzten fast 20 Jahren, also in der Zeit, in der wir uns in unseren Räumlichkeiten befinden und unseren Wissenstand, insbesondere um Trauer, erheblich erweitert haben, haben wir folgende Veränderungen festgestellt:
- Die Anzahl der offenen Aufbahrungen bei uns im Haus stieg von rd. 30 auf rd.85 Prozent,
- der Anteil mit eigenen Kleidern angekleideter Verstorbener stieg von rd. 25 auf rd. 90 Prozent,
- etwa 40 Prozent der Verstorbenen tragen heute persönliche Dinge als "Sargbeigaben" mit sich,
- bei etwa 50 Prozent der Aufbahrungen beträgt die Anzahl der Besuche drei bis fünf Mal.

Wir fühlen uns heute vor allem als Abschieds- und Ritualspezialist, und zwar für die unterschiedlichsten Kulturen.

Was müssen die Kirchen tun, damit Hinterbliebene angemessen betreut werden?

Notwendig ist eine zeitgemäße Bestattungskultur, die gesellschaftliche Trends aufnimmt - ihnen nicht widerspricht. Es geht um nicht weniger als um die Anpassung an veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse.
Dafür müssen alle Beteiligten Lösungen entwickeln. Einfach ausgedrückt: Die Kirchen müssen beim Thema Sterben, Tod, Trauer die Menschen mit ihren Problemen, Ängsten und Sorgen dort abholen, wo sie sich befinden. Dabei sollte sich aus meiner Sicht die Sprache auch so verändern, dass sie dem heutigen Zeitgeist angepasst wird und dass die Menschen sie auch verstehen und für sich selbst umsetzen können. Ob dabei verwendete Bibelzitate oder Rituale auch für jüngere Menschen hilfreich sind oder sein können, sollte kritisch überprüft werden.
Wir, d.h. Bestatter und Kirchen sitzen in einem Boot, sollten beide in die gleiche Richtung rudern und denjenigen dienen und zur Verfügung stehen, die sich in einer Notlage befinden und Hilfe brauchen und von denen wir letztendlich auch leben, und zwar sowohl Bestatter als auch Seelsorger. Es ist daher nicht gut, wenn man sich als "Gegner" begreifen würde.
Unser gemeinsames Ziel muss sein, die Hinterbliebenen mit ihren Problemen, Sorgen und Ängsten in den Vordergrund zu stellen.
Lassen Sie uns deshalb zukünftig intensiver aufeinander zugehen, offener miteinander umgehen, einander beistehen und lassen Sie uns insbesondere bereit sein vor allem voneinander zu lernen.
Abschließend möchte ich Prof. Reiner Sörries, den langjährigen Leiter des Sepukralmuseums in Kassel zitieren: Die Stabilität der Kirche steht und fällt mit der Stabilität einer menschlich und kulturell verantworteten Bestattung. Der Verlust der Kirche an Bedeutung und Akzeptanz in der Bevölkerung ist unmittelbar davon abhängig, dass die Kirche sich aus dem Kompetenzbereich der "Letzten Dinge" zurückgezogen hat. In der Vielfalt gesellschaftlicher Handlungsfelder hat die Kirche auf ihrem ureigensten Terrain (Tod, Trauer, Transzendenz) unnötig an Terrain verloren. Hier aber läge die Aufgabe! Und wenn die Kirche bei der Bewältigung der drei "TTT" nicht (mehr) gebraucht wird, warum sollte man sie dann noch benötigen?